Anatoli Karpows Spielweise wurde oft gerühmt und mindestens ebenso oft geschmäht. Bewunderer hoben seinen Pragmatismus, sein Gefühl für eine harmonische Figurenaufstellung, sein Gefühl für Gefahren und seine Endspieltechnik hervor. Mednis schreibt in seinem Buch "So gewinnt Karpow" sogar, dass Karpow zu seiner besten Zeit der am wenigsten materialistisch eingestellte Großmeister gewesen sei und dass er wiederholt den König bereits im Mittelspiel aktiv eingesetzt habe. Über diese Punkte kann man sicherlich geteilter Meinung sein.
Eine Qualität in Karpows Spiel wurde bislang noch nicht erwähnt: sein origineller Umgang mit Schwerfiguren.
Es gibt keinen zweiten Schachspieler, der den Schwerfiguren eine derartige Leichtigkeit einhauchen konnte und dermaßen flexibel und lebendig mit ihnen umgehen konnte.
Turm auf offene Linie stellen, auf die zweite Reihe hochziehen, zweiter Turm zur Verdopplung dahinter, evtl. noch die Dame triplieren und dann auf die letzte oder vorletzte Reihe eindringen - das kann jeder. Auch im Endspiel bei leerem Brett die Türme ins Gefecht führen ist keine große Kunst.
Aber die Türme elegant und fein auch in die Quere wirken lassen, wieselflink im Mittelspiel einsetzen bzw. flexibel auf verschiedene Linien verteilen und nach Bedarf den Druck verschieben - das habe ich in der Häufigkeit nur bei Karpow gesehen!
Ich erwähne hier seine berühmte Partie gegen Hort mit dem Schlüsselzug Tg4!, wonach der Turm im Mittelspiel bei vollem Brett auf der 4. Reihe für Unruhe sorgt. Ich erinnere auch an die 1. Wettkampfpartie aus dem 1. WM-Wettkampf gegen Kasparow 1984. Die Partie endete zwar remis, aber zwischenzeitlich hatte Karpow seine Dame und die beiden Türme auf drei Reihen und drei Linien verteilt.
Willst Du Deine Schwerfiguren, insbesondere Deine Türme effektiver einsetzen, dann studiere Karpow-Partien!
Gruß
Ralf