Hallo Autum!
Das ist eine gute aber meiner Meinung nach nicht einfach zu beantwortende Frage!
Die DOs und DONTs eines Mannschaftsführers sind (meines Wissens) nirgendwo klar und eindeutig festgelegt. Nur bei Schach-Olympiaden gibt es zu Beginn eine "technische Besprechung", wo derlei Regularien wohl diskutiert bzw. angeordnet und mitgeteilt werden; leider wird darüber nie was veröffentlicht.
Prinzipiell ist es schon so, daß der Mannschaftsführer nicht nur Mannschaftsaufsteller, Chef des Aufbau-/Abbau-Teams sowie Notar ist, sondern eben auch die Mannschaft "im Kampf führt". Daraus resultiert m.E. natürlich auch das Recht des MF,
- seine Spieler über den aktuellen Spielstand zu informieren,
- sie zum Auf-Gewinn-Spielen bzw. zum Auf-Remis-Spielen anzuhalten,
- sie zur Risiko-Vermeidung/-Erhöhung anzuhalten,
- sie zum Remis-Anbieten/-Annehmen/-Ablehnen aufzufordern.
In diesem Sinne ist es absolut legitim, wenn sich ein Spieler mit seinem MF kurz abstimmt; egal ob der Spieler den MF anspricht oder umgekehrt! Falls ein MF seinen am Brett sitzenden aber nicht am Zug befindlichen Spieler ansprechen möchte, sollte er dabei den am Zug befindlichen Gegenspieler nicht stören, sondern seinen eigenen Spieler etwa durch ein Zeichen ein paar Meter zur Seite bitten, um kurz mit ihm zu sprechen.
Allerdings ist es klar, daß MF und Spieler sich nur über die allgemeine Wettkampfstrategie unterhalten dürfen, nicht jedoch über die spezielle schachliche Situation auf dem Brett des Spielers. Das ist problematisch, insbesondere falls der MF spielstärker als der betreffende Spieler ist. Dann enthält natürlich eigentlich jede Anweisung des MF an den Spieler schon mindestens eine minimale Stellungsbeurteilung.
Ein Rat wie "Du stehst gut, spiel´ auf Gewinn!" ist m.E. normalerweise völlig okay. Allerdings fragwürdig, falls der Gegner gerade einen Zug gemacht hat und derselbe MF demselben Spieler vor einer Minute noch geraten hat, unbedingt auf Remis zu klammern: dann wäre der obige Rat wohl ein unzulässiger Hinweis darauf, daß der gegnerische Zug ein ausnutzbarer Fehler war.
Oder: ein Spieler meldet seinem MF ein Remisangebot, möchte selbst aber eigentlich ablehnen, weil er in sehr unklarer Position durchaus Siegeschancen sieht; der deutlich spielstärkere MF sagt aber "Sei dankbar für das Angebot und nimm bloß an bevor Dein Gegner es sich anders überlegt!" Schwierig ...
Dabei sollte klar sein, daß ein scheinbar verräterischer Rat des MF nicht immer auf der Stellungsbeurteilung basieren muß: Wenn es unentschieden steht und an zwei Brettern mit jeweils unklarer & scharfer Stellung noch gekämpft wird, so muß, wenn ein MF einem Spieler zum Remis und dem anderem zum Auf-Gewinn-Spielen rät, dies nicht unbedingt was mit der objektiven Situation auf den Brettern zu tun haben, sondern kann in der Einschätzung der Spieler durch den MF liegen ("Der Peter verhaut im Streß noch die besten Chancen, der Markus wird seinen Gegner noch in der remisigsten Stellung irgendwie anschwindeln")
Man kann sich nun vielleicht vorstellen, daß es tausende verschiedene Fälle gibt, die nicht einfach oder eindeutig zu entscheiden sind. Und die ich hier jetzt auch nicht breittreten kann und will...
Im Prinzip gilt: Strategische Mannschaftsführung ja! - Stellungsbezogener Rat nein!
Muß halt im Einzelfall gesehen werden:
Benimm´Dich so korrekt, wie Du´s auch von Deinem Gegner erwarten würdest!
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Autum, in Deinem Fall ist es natürlich interessant, was genau der gegnerische MF gesagt hat: Deinem Gegner nach Stellungsbegutachtung zur Remisannahme zu raten ("Du kannst das Remisangebot annehmen"), ist hundertpro okay; laut festzustellen (während die Uhr noch läuft): "die Stellung ist wohl remis", irgendwie schon nicht mehr ganz so ... Da ist schon ein echter wenn auch winziger Unterschied.
Vielleicht spielt Dein Gegner (ein echter Kämpfer!?) remisige=ausgeglichene Stellungen gerne bis zum technischen Ende (Patt, 50-Züge, 3fach-WH) aus, nur schlechtere Stellungen gibt er remis. Er wähnte sich eventuell etwas schlechter und wollte annehmen, bekommt durch seinen MF aber nicht nur gedeutet, daß er annehmen darf (also vermutlich nicht deutlich besser steht), sondern "sogar", daß er nicht schlechter steht.
Na gut, das wird jetzt Erbsenzählerei ...
Die Probleme scheinen mir übrigens am ehesten in "mittleren" Spielklassen (1500-2300?) zu bestehen:
Weiter unter sind dem Kampfgeist sowieso keine Grenzen gesetzt und in jeder Stellung kann noch alles passieren, weil die Technik so ungenügend ist.
Auf gehobenem Meisterniveau dagegen ist die Technik so weit fortgeschritten, daß Kampfgeist zwar zwischen annähernd gleichstarken Spielern in etwa gleichstehenden Stellungen nach wie vor durchaus wichtig ist; daß man aber nicht "einfach mal" während der Partie von Remis auf Gewinn "umstellen" kann, nur weil das Nebenbrett verloren hat (okay, manchmal muß es trotzdem versucht werden). Dazu ist durch Farbverteilung und Spielstärkeverhältnis doch schon einiges vorgegeben. Stärkere Spieler lassen sich auch wesentlich weniger vom MF reinreden, alleine schon, weil der MF die Stellung oft erheblich weniger beurteilen kann als der Spieler (weil 1. der MF dann oft wirklich nur Organisator und schwächer als der Spieler ist und weil 2. die Stellungsprobleme viel zu diffizil sind, als daß der MF das in paar Minuten erfassen könnte). Und stärkere Spieler sitzen auch konzentrierter am Brett und "arbeiten", egal ob sie nun am Zug sind oder nicht, und wollen selbst durch ihren eigenen MF nicht gestört werden. In höheren Ligen ist es im Turniersaal auch deutlich zivilisierter/leiser als in unteren Klassen, die Spieler bekommen (FALLS sie es wollen) schon mit, wie ihre Mannschaftskollegen stehen bzw. gespielt haben.
Meine Meinung.
tracke