Lieber Frank Mayer!
zunächst einmal spielt
NM Hebert Perez Garcia vielleicht geographisch/verbandstechnisch in einer anderen Liga, das war´s aber auch schon. Es ist nicht so schwer, ihn in den FIDE-Listen zu identifizieren: momentan hat er offenbar etliche ELO-Punkte weniger als ich.
Okay, er hat den schönen (und ehrenvollen!)
Titel eines Nationalen Meisters verliehen bekommen, den hätte ich auch gerne, da ich die entsprechenden sportlichen Voraussetzungen durchaus erfülle. Während andere Titel (wie GM, IM, FM, CM) von der FIDE verliehen und nur über den nationalen Verband beantragt werden, wird der NM-Titel aber ausschließlich vom nationalen Verband verliehen und der FIDE nur mitgeteilt (so ungefähr jedenfalls, bin kein Titelfunktionär). Bzw. die FIDE stellt es ihren Mitgliedsverbänden frei, NM-Titel zu verleihen oder auch nicht. Und der DSB verteilt eben keine NM-Titel, weil es ansonsten nämlicheine wahre Titelflut in Deutschland gäbe (die Bedingung ist nämlich einmal Elo>2200, z.T. wird der Titel auch für bestimmte Erfolge bei nationalen Turnieren vergeben). Sportlich absolut vergleichbar mit dem NM-Titel ist der
CM-Titel (Candidate Master, Meisterkandidat), der über die FIDE vergeben wird. Den könnte ich mir (für einiges Geld!) sofort holen; allerdings gilt es als etwas unfein, sich mit Elo>2200 diesen Titel auch sofort zu holen, wenn nicht klar absehbar ist, daß man kurz- bis mittelfristig auch mindestens den FM-Titel holt. Jahrelang/lebenslang ein Kandidat für etwas zu sein, ist lächerlich.
NM Hebert Perez Garcia ist nicht mehr der allerjüngste Schachfreund und mag früher etwas besser gewesen ist. Allerdings war er bei der Einführung des FM-Titels noch nicht sehr alt (eher auf seinem schachlichen Zenit, zudem war damals der FM-Titel etwas einfacher als heute), sodaß er soviel mehr besser als heute eigentlich auch nicht gewesen sein kann.
Dies soll keine Herabwürdigung dieses Schachfreundes sein - ein mahnender Hinweis auf seine überlegene Autorität
("übrigens in einer anderen Liga") zieht allerdings auch nicht!
(Es ist nicht persönlich gemeint und geschieht nur des schnellen Tippens halber, daß ich seinen Namen ohne korrekte Akzente schreibe; das ist in einem deutschsprachigen Forum wohl nicht notwendig)
Übrigens geht es in unserer kleinen Diskussion hier nicht inhaltlich um Wahrheit und Lüge, um schwarz-weiß abgrenzbare klare Fehler, sondern um ungenaue, unpassende, irreführende oder einfach nur schwammige sprachliche Ausdrücke. Ich weiß jetzt nicht, auf welche Weise die deutsche Version dieses Artikels nun genau zustandegekommen ist, aber der Autor ist vermutlich kein deutscher Muttersprachler, weshalb meine (und Fälix´) Kritik eher oder ausschließlich gegen den Übersetzer/Editor gerichtet ist ...
"Über die [...] gewählte Formulierung könnte man mehrere Bücher schreiben [...]" Genau darum geht es: nicht z.B. um das Thema der " Überarbeitung der bisherigen taktischen Varianten des Mittel- und Endspiels", sondern (was immer mit dem Thema gemeint sein mag) um die entsprechenden
Formulierungen in obigem Artikel !!!
Ich werde jetzt aber keine Bücher schreiben (dieser Post wird eh wieder länger als geplant), sondern die Problematik in Stichworten anreißen:
"Konstanz" und
"Stetigkeit" können manchmal ähnlich sein, manchmal aber auch was völlig Verschiedenes (das ist schon in der mathematischen Analysis so!)! Eventuell wäre auch "andauernd" oder "kontinuierlich" ein passenderes Adjektiv gewesen.
Eine
"Revision" ist nicht nur eine andere (weitere) Ansicht, sondern vor allem eine verschiedene/widersprechende Ansicht. Insofern ein Vorgang mit einschneidendem Charakter und mehr oder minder abruptem Verlauf: das paßt mit Konstanz wenig zusammen.
Betrachtet man nun die Zusammenfassung/Aneinanderreihung von zahlreichen Revisionen (z.B. an einzelnen Stellen einer schachlichen Theorie), so ergibt das Ganze m.E. keine "konstante Revision der Theorie", sondern eher eine
"kontinuierliche Überarbeitung der Theorie". Halt das, was für eine paradigmatische Erfahrungswissenschaft ziemlich normal ist! In der großen Perspektive ist die Summe vieler kleinen Sprünge kein großer Sprung, sondern ein mehr oder minder kontinuierlicher (aber nicht "konstanter") Prozeß.
Im übrigen ist die Erforschung/Verbesserung z.B. der Eröffnungstheorie mit Hilfe von Computern nicht unbedingt essentiell anders als früher; es geht halt (mit leicht zunehmender Gewchwingigkeit) etwas schneller als früher; allerdings gibt es auch entsprechend mehr Daten zu verabeiten! Die Entwicklung der EÖTheorie etwa von 1950 bis 2010 insgesamt als "Revision" zu betiteln, wäre ziemlich verfehlt (zumal eine Revision tendenziell eine intentionale Handlung eines bewußten Subjekts ist). Kleinere "Revisionen" (oder besser: "Revidierungen") mag es in der EÖTheorie als ganzen durchaus gegeben haben. Wenn man etwa die "Hypermoderne Revolution" in die frühen 1920er verfrachtet, die dynamische Behandlung des Königsinders in die 1950er oder die "g4-Revolution" in die frühen 1990er. Aber auch im Überblick über die Jahrzehnte ist es schwer, solche Prozesse halbwegs passend auf einen "punktförmigen" 5-Jahres-Zeitraum einzugrenzen. [Man lese mal in Kasparows Revolutions in the 70s; dort läßt er ja dutzende Großmeister zu Worte kommen, die die Entwicklung der EÖTheorie oft anders beurteilen als Kasparow. Für Kasparow gibt es natürlich eine fundamentale Trennung zwischen der Vor-Kasparow-Ära und der Kasparow-Ära, aber die meisten seiner Kollegen gaben ihm nicht recht: EÖArbeit sei in den 60ern, 70ern und 80ern prinzipiell gleich geblieben].
Echte Revisionen mag es in letzter Zeit durchaus gegeben haben, allerdings erfährt der Schachlaie davon nichts! Von Leuten wie Kasparow, Kramnik, Anand und Topalow wurde ja berichtet, daß die für ihre WM-Kämpfe nicht nur "paar neue Varianten vorbereitet" haben, sondern in einer monatelangen Zusammenarbeit ihrer GM-Sekundanten und (PC-Assistenten) "die gesamte Eröffnungstheorie" (oder zumindest einen Großteil davon) überprüft haben (und zwei Drittel aller EÖ als "auf WM-Niveau unspielbar" verwarfen). Das käme einer "Revision" noch am nächsten - leider werden die Ergebnisse nicht veröffentlicht...
Ich komme nun zum schwammigen Begriff der
"Überarbeitung der taktischen Varianten des Mittel- und Endspiels".
Bezüglich der "Überarbeitung der taktischen Varianten der Eröffnung" kann man sich ja noch zur Not was vorstellen: Wir beginnen halt in der Grundstellung und der etwas unübliche Ausdruck "
taktische Varianten" (welche gibt´s denn noch? letztlich sind alle Varianten taktisch, strategisch
und positionell) soll wohl betonen, daß es um konkrete/forcierte Varianten geht und nicht um strukturelle Ideen (die man auch schlecht mit dem Computer untersuchen könnte, eventuell ein wenig statistisch).
Aber die "Überarbeitung der taktischen Varianten des Mittel- und Endspiels" überfordert mich nach wie vor (Felix anscheinend auch) - WAS wird da untersucht und überarbeitet?!? Konkrete Mittelspielstellungen, die sich aus der Grundstellung ergeben? Das gehört dann eindeutig zur Eröffnungstheorie, die Grenze zwischen den Partiephasen ist halt nicht eindeutig.
Allgemeine Motive der (Mittelspiel-) Taktik/Strategie (wie Fesselung/Überdeckung/Doppelangriff) können es auch nicht sein, denn solange man allgemein bleibt, hat sich da seit mindestens 150 Jahren nicht viel geändert, das Wesen und die Wirkungsweise einer Springergabel kannte Staunton genauso gut wie Topalow! Die Beispiele werden vielleicht komplizierter, aber obwohl sich natürlich auch eine Didaktik des Taktiktrainings entwickelt hat, wäre ich mir nicht sicher, daß Topalow im Variantenrechnen wirklich merklich besser ist als Staunton.
Übrig bleibt dann aber eigentlich nur noch für die "Überarbeitung der taktischen Varianten des Mittelspiels", daß damit eine
taktische Überprüfung alter Analysen (alter Partien) (und insbesondere der Mittelspielekommentare) gemeint ist. Das ist aber erstens nicht so furchtbar wichtig für die Schachtheorie im Großen: man spielt alte Meisterpartien doch eher nach, um grundsätzliche strategische Konzepte zu lernen. Und zweitens und vor allem finde ich die Formulierung "Überarbeitung der taktischen Varianten des Mittelspiels" dafür nicht nur gestelzt sondern eben auch irreführend.
[Edit: am besten und deutlich verständlicher wäre vielleicht die Formulierung: "Überprüfung alter Analysen mithilfe einer Schachengine"]
Ähnliches wie beim Mittelspiel (wenn auch nicht genau das gleiche) ließe sich über die Formulierung "Überarbeitung der taktischen Varianten des Endspiels" sagen, das erspare ich mir und uns jetzt ...
Was hat der Autor mit seinem Artikel nun eigentlich geleistet? Vermutlich mit Computerunterstützung hat er darauf hingewiesen, daß in einer durchschnittlichen(?) Partiesammlung eine mittelmäßig wichtige Partie nicht korrekt analysiert wurde. Dabei sind die Fehler oder Auslassungen von Meister Lazarew (Gufeld hat zum Buch vermutlich nicht mehr als seinen Namen beigesteuert) nicht alle grob zu nennen: es handelt sich um 12-zügige Damenopfervarianten, bei der Weiß in unübersichtlicher und scharfer Stellung etliche Züge mit Minusturm spielt! Ein durchschnittlicher Vereinsspieler würde ohne Fritz hunderte von Stunden brauchen, um die gesamte Kombination korrekt zu analysieren, selbst wenn man ihn auf 16.De8+ stieße. Andererseits braucht ein Meister oder Meisteranwärter nicht unbedingt einen PC, um in einer zweistündigen Analyse der gesamten Partie diesen (und die weiteren) Fehler zu finden; das hat also nicht viel mit dem "kybernetischen Zeitalter" zu tun!
Man sollte auch das Drumherum bedenken, wenn man meint, daß Lazarev (oder Gufeld) nicht besser analysieren könnten. Es ist das Ziel des Buches, Leonid Stein gut (und als Meister der riskanten Spielanlage!) darzustellen; das Buch wurde vermutlich unter Zeitdruck bei einem nicht erstklassigen Verlag editiert ...usw. usf.
Insgesamt finde ich den Artikel "Konstante Revision der Theorie" immer schlechter und überheblicher, je länger ich ihn lese (und damit höre ich gleich auf). Wenn man als Amateur in einer schachlichen Publikation einen Fehler findet, dann schreibt man dem Autor oder Verlag eine Mail, damit das in der nächsten Auflage verbessert wird; vielleicht wird man dann auch namentlich erwähnt. Falls nichts passiert, dann sind Autor oder Verlag so schlecht, daß man von ihnen keine Bücher mehr kaufen sollte!
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